Der Sykes-Picot-Vertrag von 1916 war eine geheime Vereinbarung zwischen Großbritannien und Frankreich, in der die beiden Mächte die Gebiete des zerfallenden Osmanischen Reiches im Nahen Osten unter sich aufteilten. Syrien, als eines der bedeutendsten Territorien, spielte dabei eine zentrale Rolle. Der Vertrag, der auch Russland in die Verhandlungen einbezog, wurde zu einem Symbol für koloniale Einflussnahme und Verrat an arabischen Unabhängigkeitsbestrebungen.
🌍 Der historische Kontext
Der Erste Weltkrieg und der Niedergang des Osmanischen Reiches
Während des Ersten Weltkriegs kämpfte das Osmanische Reich auf der Seite der Mittelmächte und war zunehmend militärisch geschwächt. Die Entente-Mächte – insbesondere Großbritannien und Frankreich – planten, die Gebiete des Reiches nach dem Sieg unter sich aufzuteilen.
Arabische Hoffnungen auf Unabhängigkeit
Parallel zu den Plänen der Entente unterstützte Großbritannien den arabischen Aufstand unter Scherif Hussein von Mekka. Durch die Hussein-McMahon-Korrespondenz von 1915/16 versprach London den Arabern ein unabhängiges Königreich, wenn sie gegen die Osmanen kämpften. Diese Versprechen standen jedoch im Widerspruch zu den geheimen Verhandlungen mit Frankreich.
🤝 Der Sykes-Picot-Vertrag
Inhalt und Absprachen
Der Vertrag wurde zwischen dem Briten Sir Mark Sykes und dem Franzosen François Georges-Picot ausgehandelt. Das Abkommen teilte die osmanischen Gebiete im Nahen Osten in Einflusszonen auf:
- Französische Zone (blau):
- Syrien und der Libanon.
- Ein direkter Einflussbereich im Norden (heutige Türkei und syrische Küstenregionen).
- Britische Zone (rot):
- Irak und Jordanien.
- Ein direkter Einflussbereich über das Gebiet des heutigen Kuwait und Südirak.
- Internationale Zone (braun):
- Palästina wurde als gemeinsame internationale Zone vorgesehen, da es aufgrund seiner religiösen Bedeutung nicht einer einzigen Macht zugesprochen wurde.
Der geheime Charakter
Der Vertrag blieb während des Krieges geheim, um den arabischen Aufstand nicht zu gefährden. Erst nach der Russischen Revolution 1917 wurde das Abkommen öffentlich, als die Bolschewiki die diplomatischen Dokumente enthüllten.
🗡️ Auswirkungen auf Syrien
Französische Kontrolle
Gemäß dem Sykes-Picot-Abkommen fiel Syrien unter französischen Einfluss:
- Nach dem Krieg wurde Frankreich von der Konferenz von San Remo (1920) offiziell das Mandat über Syrien und den Libanon übertragen.
- Der arabische Traum von Unabhängigkeit, insbesondere unter der Führung von König Faisal, der 1918 in Damaskus eine arabische Regierung ausgerufen hatte, wurde zerschlagen.
Konflikte und Widerstände
Die Aufteilung Syriens führte zu erheblichem Widerstand:
- Arabischer Aufstand: Die arabischen Nationalisten fühlten sich durch die Entente-Mächte verraten und widersetzten sich der französischen Besatzung.
- Schlacht von Maysalun (1920): Französische Truppen besiegten arabische Kräfte unter König Faisal und etablierten ihre Herrschaft über Syrien.
Fragmentierung Syriens
Frankreich teilte Syrien in kleinere Verwaltungseinheiten, um die Kontrolle zu erleichtern und ethnische Spannungen auszunutzen:
- Staat von Damaskus und Staat von Aleppo: Getrennte politische Einheiten.
- Alawitenstaat: Autonomie für die alawitische Minderheit.
- Drusenstaat: Ein weiteres autonomes Gebiet.
Diese Fragmentierung hinterließ ein Erbe von Spannungen, die Syrien bis heute prägen.
🌟 Reaktionen auf den Vertrag
Arabische Enttäuschung
Der Vertrag wurde von vielen Arabern als Verrat betrachtet. Sie hatten auf ein vereintes und unabhängiges arabisches Königreich gehofft, wie es ihnen in der Hussein-McMahon-Korrespondenz versprochen worden war.
Internationale Kritik
Der Vertrag stieß auch außerhalb der arabischen Welt auf Kritik:
- Russlands Enthüllung: Die Veröffentlichung durch die Bolschewiki schadete dem Ansehen Großbritanniens und Frankreichs.
- US-amerikanische Haltung: Präsident Wilsons Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der Völker stand im Widerspruch zu den kolonialen Absichten der Entente.
🕰️ Langfristige Folgen
- Koloniale Kontrolle: Der Sykes-Picot-Vertrag legte die Grundlage für die Mandatszeit und die koloniale Dominanz Frankreichs und Großbritanniens im Nahen Osten.
- Grenzziehungen: Die künstliche Aufteilung des Nahen Ostens führte zu willkürlichen Grenzen, die ethnische und religiöse Gruppen zerschnitten und langfristige Konflikte schürten.
- Nationalismus: Der Vertrag förderte das Wachstum arabischer Nationalbewegungen, die gegen die westliche Kontrolle und für die Unabhängigkeit kämpften.
- Symbol für Verrat: Bis heute wird der Sykes-Picot-Vertrag in der arabischen Welt als Symbol für die koloniale Ausbeutung und den Verrat westlicher Mächte betrachtet.
🕰️ Fazit
Der Sykes-Picot-Vertrag hatte tiefgreifende Auswirkungen auf Syrien und den gesamten Nahen Osten. Er schuf die Grundlagen für die Mandatszeit, zerstörte die arabischen Hoffnungen auf Unabhängigkeit und hinterließ ein Erbe von Spannungen und Konflikten. Die künstlichen Grenzen und der koloniale Einfluss, die aus dem Abkommen resultierten, prägen die Region bis heute und erinnern an die Herausforderungen der internationalen Diplomatie in einer von imperialen Interessen geprägten Zeit.
📚 Für die Geschichtsfans unter euch: Wenn euch dieses Thema begeistert, könnt ihr hier spannende Bücher zum Thema finden!
Hinterlasse einen Kommentar