Hexenverfolgung im Mittelalter – Fakten statt Mythen 🔥⚖️🧙‍♀️Was wir wirklich über die „Hexenjagd“ wissen sollten – jenseits von Klischees und Irrtümern


Wenn von Hexenverfolgung die Rede ist, denken viele sofort an das finstere Mittelalter, an brennende Scheiterhaufen, Folterkammern und ein Europa im Bann irrationaler Angst. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt sich vieles davon als Mythos – und manches als überraschend moderne Entwicklung.

Zeit, mit den Klischees aufzuräumen und einen genaueren Blick auf eines der düstersten Kapitel europäischer Geschichte zu werfen.


⚖️ Mythos 1: „Die Hexenverfolgung war typisch für das Mittelalter“

Falsch. Die schlimmste Welle der Hexenverfolgung fand nicht im Mittelalter, sondern in der Frühen Neuzeit statt – also zwischen 1450 und 1750. Die größten Prozesse und Massenhinrichtungen geschahen im Zeitalter der Renaissance, Reformation und Aufklärung.

  • Der berüchtigte Hexenhammer (Malleus Maleficarum) erschien 1487 – nach dem Mittelalter.
  • Die meisten Hexenprozesse fanden im 16. und 17. Jahrhundert statt.
  • Im Hochmittelalter (ca. 1000–1300) war der Glaube an Hexen sogar offiziell verboten – die Kirche sah ihn als Aberglauben an.

🧙 Mythos 2: „Es waren ausschließlich Frauen betroffen“

Teilweise richtig. Etwa 75–85 % der Opfer waren Frauen, doch auch Männer – vor allem Heiler, Außenseiter oder als „Hexenmeister“ Verdächtigte – wurden verfolgt und hingerichtet. In manchen Regionen (z. B. Island oder Finnland) lag der Männeranteil sogar über 50 %.

Warum vor allem Frauen?

  • Sie galten als „anfälliger“ für Teufelswerk – so das patriarchale Denken jener Zeit.
  • Frauen hatten oft medizinisches Wissen (Hebammen, Kräuterheilerinnen) – das machte sie verdächtig.
  • Ihre soziale Stellung war schwächer – sie waren leichte Ziele.

🔥 Mythos 3: „Hexen wurden überall verbrannt“

Nicht überall. Die Verbrennung war besonders im Heiligen Römischen Reich (v. a. Deutschland, Schweiz, Österreich) verbreitet – dort wurden ca. 40.000–50.000 Menschen hingerichtet. Doch:

  • In England wurden Hexen meist gehängt, nicht verbrannt.
  • In Skandinavien oder Frankreich gab es regional sehr unterschiedliche Strafen.
  • In manchen Gebieten (z. B. Polen oder Irland) gab es kaum Verfolgungen.

📚 Mythos 4: „Die Kirche war allein verantwortlich“

Ein komplexeres Bild:

  • Die katholische Kirche war nicht der Hauptantreiber. Viele Prozesse wurden von weltlichen Gerichten geführt – mit Unterstützung lokaler Herrscher, Bürgermeister und Bevölkerung.
  • Der Protestantismus brachte keine Entspannung – im Gegenteil: In protestantischen Gebieten (z. B. Württemberg, Schottland, Neuengland) war die Verfolgung teils noch intensiver.
  • Auch die Inquisition (v. a. in Spanien) ging meist vorsichtiger vor als weltliche Gerichte – mit höheren Beweisanforderungen.

📉 Mythos 5: „Millionen von Frauen wurden verbrannt“

Historisch nicht haltbar. Moderne Forschung geht von ca. 60.000 bis 100.000 Hinrichtungen in Europa zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert aus – viele davon Männer. Die oft zitierte Zahl von „Millionen“ ist ein Mythos aus dem 19. Jahrhundert.

Trotzdem bleibt es ein systematischer Terror mit verheerenden Folgen – für Individuen wie für ganze Gemeinschaften.


🕯️ Warum kam es überhaupt zur Hexenverfolgung?

Ein Zusammenspiel aus sozialen, religiösen und politischen Spannungen:

  • Krisenzeiten: Missernten, Pest, Klimakatastrophen (→ Kleine Eiszeit).
  • Sündenbock-Mechanismus: „Hexen“ wurden verantwortlich gemacht für Krankheiten, Unwetter, Tod.
  • Autoritätsverlust durch Reformation & Kirchenspaltung.
  • Glaube an den Teufel und seine „Diener“ – stark befeuert durch kirchliche wie weltliche Propaganda.
  • Folter als legitimes Mittel → Geständnisse, neue Verdächtigungen, endlose Spiralen.

🛑 Das Ende der Hexenverfolgung

Ab dem späten 17. Jahrhundert setzte ein langsamer Wandel ein:

  • Aufklärung und Rationalismus untergruben den Hexenglauben.
  • Neue juristische Standards machten Folter unzulässig.
  • Philosophen wie Voltaire oder Montesquieu kritisierten die Prozesse scharf.
  • Das letzte bekannte Todesurteil wegen Hexerei in Europa wurde 1782 in der Schweiz vollstreckt (Anna Göldi).

🏁 Fazit: Zwischen Wahn und Weltbild

Die Hexenverfolgung war kein mittelalterlicher Aberglaube, sondern ein hochkomplexes Phänomen, das tief in den Strukturen einer Gesellschaft verankert war, die mit Angst, Unsicherheit und Umbrüchen kämpfte.

Wer das Thema verstehen will, muss es historisch einordnen, statt es mit Klischees zu verzerren – denn nur dann lässt sich erkennen, wie leicht Angst und Machtmissbrauch zusammenfinden können.

Hinterlasse einen Kommentar